WordPress 7.0 – Wenn man dem Adminbereich mit einem Stein aufs Maul haut
Warum muss man eigentlich immer alles neu erfinden, was man gar nicht neu erfinden müsste? Warum muss man Entwickler mit Dingen nerven, die in meinen Augen vollkommen sinnlos sind und - wie im Falle der neuen Admin-Oberfläche bei WordPress (7.0) - Augenkrebs im Endstadium verursachen? Ein Kommentar.
Warum nur?
Es gibt diese Momente im Leben eines Webentwicklers, in denen man einfach nur still vor dem Bildschirm sitzt und denkt:
„Warum?“
Nicht philosophisch.
Nicht existenziell.
Einfach nur technisch erschöpft.
WordPress 7.0 liefert genau so einen Moment.
Eine "aufgefrischte Administration"
Die offiziellen Release-Notes sprechen von einer „ruhigeren und moderneren Administration“. Von „sanften Übergängen“. Von „überarbeiteten Buttons“. Von einem „frischen Look and Feel“.
Und irgendwo in einem Meetingraum muss offenbar jemand gesagt haben:
„Wisst ihr, was WordPress fehlt?
Weniger Charakter.“
Denn genau das ist passiert.
Der alte Adminbereich war kein Designerstück – aber ein Werkzeug
Der klassische WordPress-Adminbereich war nie schön. Aber er war robust.
Er hatte etwas Werkzeugartiges. Etwas Ehrliches. Klobige Buttons. Harte Kanten. Graue Flächen. Klare Trennungen. Ein Backend wie ein alter Werkzeugkoffer: Nicht sexy – aber du findest blind den Schraubenzieher.
Jetzt wirkt vieles plötzlich wie ein halb fertiges SaaS-Dashboard aus einem Figma-Template-Abo.
Das große blaue Erwachen
Überall dieses aggressive #3858e9.
Ein Blau, das sich anfühlt, als hätte jemand beschlossen:
„Wir machen jetzt ALLES freundlich und modern.“
Das Problem: Produktive Oberflächen sollen nicht freundlich sein. Sie sollen funktionieren.
Power-User arbeiten nicht mit Emotionen. Sie arbeiten mit Muskelgedächtnis.
Und genau dieses Muskelgedächtnis wurde in WordPress 7.0 an vielen Stellen mit einem Baseballschläger bearbeitet.
Wenn Buttons plötzlich keine Wucht mehr haben
Buttons verloren Gewicht. Abstände wirken seltsam weichgespült. Bereiche verschmelzen optisch ineinander. Das Backend fühlt sich nicht mehr wie ein Werkzeug an – sondern wie eine App, die einem erklären möchte, wie kreativ man heute sein darf.
Besonders schön sichtbar wird das im klassischen Editor.
Früher:
- klare Linien,
- kräftige Begrenzungen,
- funktionale Symbolleisten,
- sofort erfassbar.
Heute wirkt die Toolbar teilweise so, als hätte jemand das komplette Interface mit 80 Prozent Deckkraft exportiert.
Die Buttons schweben herum wie verlorene Legosteine nach einem Stromausfall.
Digitale Feldchirurgie statt Feature
Und während die Release-Notes von „sanften Übergängen“ sprechen, sitzen Entwickler weltweit plötzlich in ihren Projekten und schreiben Dinge wie:
add_action('admin_head', function () {
echo '<style>
.notice.notice-error {
display: none !important;
}
#major-publishing-actions {
display: block !important;
}
body.wp-admin,
body[class*="admin-color-"] {
--wp-admin-theme-color: #0772ce !important;
--wp-admin-theme-color--rgb: 7, 114, 206 !important;
--wp-admin-theme-color-darker-10: #0066b8 !important;
--wp-admin-theme-color-darker-10--rgb: 0, 102, 184 !important;
--wp-admin-theme-color-darker-20: #005a9e !important;
--wp-admin-theme-color-darker-20--rgb: 0, 90, 158 !important;
--wp-admin-border-width-focus: 1px !important;
}
#the-list .row-title {
color: #0772ce;
}
#adminmenu li.current a.menu-top,
#adminmenu li.wp-has-current-submenu .wp-submenu .wp-submenu-head,
#adminmenu li.wp-has-current-submenu a.wp-has-current-submenu,
.folded #adminmenu li.current.menu-top {
color: #fff !important;
background: #0772ce !important;
}
#adminmenu a:hover,
#adminmenu li.menu-top:hover,
#adminmenu li.opensub > a.menu-top {
color: #fff !important;
background: #0066b8 !important;
}
</style>';
});
Das ist kein Feature mehr.
Das ist digitale Feldchirurgie.
WordPress hatte längst ein funktionierendes Design
Der eigentliche Witz ist aber: WordPress hatte längst ein funktionierendes Design.
Nicht modern. Nicht trendig. Nicht Dribbble-kompatibel.
Aber effizient.
Und Effizienz ist etwas völlig anderes als „ruhig“ oder „minimalistisch“.
Denn je häufiger ein Interface benutzt wird, desto weniger möchte der Nutzer darüber nachdenken müssen.
Warum alte Interfaces oft besser funktionieren
Genau deshalb lieben viele Entwickler alte Interfaces:
- alte Photoshop-Versionen,
- alte Winamp-Skins,
- alte vBulletin-Foren,
- alte WordPress-Admins.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern weil sie Wucht hatten.
Das neue WordPress fühlt sich dagegen oft an wie:
„UI by Marketing-Abteilung.“
Viel in sich verschmelzende, dadurch unstrukturiert wirkende Pastell-Farbräume. Viel Blau. Viel „Look“. Weniger Orientierung.
"Ok", kann da jemand sagen: "Deine Seite ist ja auch blau." Und ich antworte: "Eine Marketing-Webseite darf emotional und weich wirken. Ein Produktivsystem braucht dagegen klare Trennungen, Kontraste und visuelle Stabilität."
Modernisiert oder entkernt?
Natürlich wird sich die Community daran gewöhnen. Wie immer.
Entwickler sind leidensfähig.
Aber selten war der Unterschied zwischen:
„modernisiert“
und
„entkernt“
so schön sichtbar wie in WordPress 7.0.
Nachtrag: HACK WP7 – der kleine Verbandskasten
Weil Jammern allein im WordPress-Alltag selten reicht, entstand aus diesem kleinen Ausflug in die neue Backend-Ästhetik direkt ein Mini-Plugin: HACK WP7.
Die Idee ist simpel: ein kleines Werkzeug im Adminbereich, mit dem sich eigenes Admin-CSS direkt eintragen und per Aktiv/Inaktiv-Schalter ein- oder ausschalten lässt.
Kein großes Framework. Kein aufgeblasenes Einstellungsmonster. Kein „Design System“. Nur ein kleiner digitaler Verbandskasten für alle Fälle, in denen WordPress wieder meint, man müsse jahrzehntelang funktionierende Bedienoberflächen spontan neu interpretieren.
Man könnte sagen:
WordPress redesignen lassen – und dann mit HACK WP7 wieder arbeitsfähig machen.
P.S. HACK WP7 ist selbstverständlich nur ein satirisches Spaßprojekt. Genau wie das neue WordPress-Admin-Design vermutlich auch.